Eine Erdingerin in der Karibik
Kathrin Sommer lebt und arbeitet auf Tobago
Tobago – das sind weiße Traumstrände, Sonnenuntergänge, der geheimnisvolle Regenwald mit seinen unzähligen Wasserfällen. Das ist Reggae, kreolische Spezialitäten, Rum und gute Laune. Aber auch Intrigen und Korruption.
Sexuelle Belästigung und ständiger Klatsch und Tratsch gehören auf Tobago ebenso zum Alltag wie Ausgrenzung und ungerechte Behandlung. “Willkommen im Paradies” – dieser Satz strahlt den europäischen Touristen schon am Flughafen in Crown Point in großen Lettern entgegen. “Willkommen im Paradies” ist auch der Lieblingssatz von Tour-Unternehmen und den unzähligen Playboys, die sich am Strand herumtreiben, immer nach der Suche nach vermeintlich zahlungskräftigen und sexhungrigen, weißen Frauen.
Ich ging nach Tobago, um mir nach erfogreich abgeschlossenem Studium ein wenig Urlaub zu gönnen, war weder zahlungskräftig, noch sexhungrig. Ich glaubte mich zunächst wirklich im Paradies. Meine Wahlheimat war Buccoo, ein kleines Dorf an der Nordwestküste. Ich hatte meinen Spaß: Grillpartys, Discos, Tanzen bis zur Erschöpfung. Nach wenigen Wochen beschloss ich zu bleiben. Ich bewarb mich bei Zeitungen – bei zweien erfolgreich. So begann ich, für den Sunday Punch und den T&T Mirror zu schreiben – zumindest versuchte ich es. Tobago ist eine Insel mit dem Motto “Mind your own business” (“Kümmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten”). Als Journalistin ist es fast unmöglich, an wichtige Informationen zu kommen. Keiner will reden, keiner fühlt sich verantwortlich. Es herrscht starkte Zensur. Mein Boss mahnt mich immer wieder: “Schreib ja nichts Negatives über die Regierung, hörst Du?”
Schnell wurde mir klar, dass ich tatsächlich die Finger von Delikatem lassen sollte. Eines Tages fuhr ich mit der Fähre von Trinidad nach Tobago, als das Boot wegen einer Bombendrohung umkehren musste. Pflichtbewusst zückte ich meinen Presseausweis und versuchte, Informationen zu bekommen. Anstatt mir weiterzuhelfen, sperrten mich die Sicherheitsbeamten erst einmal weg. Als erstes schrieb sich deren Chief Officer meinen Namen auf und erklärte mir: “Falls ich einen Eintrag über Sie in meinem Computer, sind Sie und Ihre Zeitung geliefert”. Ich hatte keine Arbeitserlaubnis, schoss es mir durch den Kopf. Ich ging zum Gegenangriff über. Ich notierte mir Corporal Doolarchahs Namen. Bewaffnet mit Block und Stift standen wir nun inmitten des Chaos’ aus Sprengstoffhunden, Polizisten und verwirrten Passagieren und versuchten jeweils, das Namensschild unseres Gegenübers zu entziffern. Meine Bilder, die ich zwischendurch heimlich knipste, musst ich vor den Augen der Polizei löschen. Die Aktion hatte keine Konsequenzen für mich. Meinen Artikel, den ich über den Vorfall schrieb, durfte ich jedoch nie veröffentlichen. “Zu riskant”, meinte mein Boss.
“Mind your won business” ist auch ein Merksatz im Privatleben eines jeden Tobagoniers. Es ist schwer, wahre Frunde zu finden. Freundlich sind die Männer nur, wenn sie sich Sex oder Geld davon versprechen. Frauen reden gar nicht mit ihren ausländischen Geschechtsgenossinnen, da sie auf uns vermeintliche Sextouristinnen herabschauen, die ihnen die Männer wegnehmen. Dinge, die mich wirklich bewegen, kann ich mit Einheimischen nicht besprechen. Oftmals ist die Rettung vor Vereinsamung der Kontakt zu anderen Ausländern, die auf der Insel wohnen und sich mit denselben Problemen herumquälen.
D. und S. aus Hannover sind zwei sich dazu offen bekennende Sextouristinnen. Bei ihrme vierwöchigen Aufenthalt geben sie schon mal 1000 Euro nur für einen einzigen Mann aus – Flug, Hotel und Essen natürlich exklusive. Kein Wunder, dass die Männer verzogen sind. Ihre Anmache ist aggressiv. Meine anfänglich netten Bekannten waren da keine Ausnahme: “Beachbums”, also Touristenjäger. Ricky, das verheiratete Alphamännchen der Gruppe, verkraftete es nicht, dass ich weder mit ihm noch mit den anderen männlichen Bewohnern Buccoos anbandeln wollte. Also erzählte er im ganzen Dorf, dass ich mit allen von ihnen etwas gehabt hätte. Mein Weg zur Arbeit wurde zum täglichen Spießrutenlauf. Leute schrien mir die schlimmsten Schimpfworte hinterher, bis ich aufgab und das Dorf nach einigen Monaten verließ.
N., eine Deutsche, die in Bon Accord, einem anderen Dorf, lebte, musste dasselbe durchmachen, wie sie mir erzählte. W. aus München hatte etwas mehr Glück: “Mein tobagonischer Freund hat mir gleich von Anfang an eingeimpft, mit niemanden zu reden, nur hallo und tschüß zu sagen und nicht freundlich zu sein”, sagte sie.
Die Doppelmoral im Paradies ist überall zu beobachten. Einerseits treibt der christliche Glaube Scharen von frommen Inselbewohnern jeden Sonntag in die Krichen, andererseits kmmer sich keiner um das Wohl anderer. Kaum ist der Gottesdienst vorüber, werden nicht mal die eigenen Nachbarn im Auto mit nach Hause genommen. Mit der Ehrlichkeit nehmen es die Tobagonier auch nicht so genau. Taxifahrer und Ladenbesitzer schröpfen die Touristen und auch in den Guest Houses, kleinen Pensionen, werden sie über’s Ohr gehauen.
Ohne Carib oder Stag, die einheimischen Biere, fängt ein Tobagonier seinen Tag erst gar nicht an. Meist folgt dann noch ein “Spliff”, eine MarihuanaZigarette. Zwar ist die weiche Droge auf Tobago illegal, aber die meisten Menschen dort rauchen und verkaufen sie heimlich. Ich wurde selbst auch schon des Drogenschmuggels verdächtigt. Da meine Redaktion in Trinidad ist, fahre ich jeden Freitag mit der Fähre hinüber, um meinen Boss zu treffen. Eines Tages zog mich die Hafenpolizei aus der Menge als ich wieder zurück nach Tobago kam. Die Männer durchsuchten meine Taschen und notierten sich meinen Namen. Ich durfte gehen. Spätestens jetzt sollte ich mir eine Arbeitserlaubnis besorgen. Die 1200 Euro werde ich schon irgendwie auftreiben.
Nur wenige Wochen später empfingen mich dieselben Polizisten wieder am Hafen in Scarborough. Gleiche Prozedur. Mal wieder wurde ich abgeführt und durchsucht. Wie mein Name denn laute, wollte der Wichtigste von allen wissen. Bereitwillig buchstabierte ich K A T H R I N S O M M E R. “Ich kenne Sie doch”, dämmerte es dem Officer plötzlich. “Ja, ich wurde bereits kontrolliert, weil Ihnen aufgefallen ist, dass ich so oft hin- und herfahre”, gab ich zurück. Er entschuldigte sich, nachdem er festgestellt hatte, dass ich immer noch keine Drogenschmugglerin war und ließ mich ziehen. Das passierte dann noch zweimal innerhalb weniger Wcohen, so dass mein Boss und ich beschlossen, vorläufig erst einmal nur noch E-Mail-Kontakt zu halten.
Dummerweise wurde ich ernsthaft krank um die Osterzeit. Das Krankenhaus auf Tobago ist eine Katastrophe. Es reicht wohl zu sagen, dass ein Huhn auf der Notfallstation herumgeflattert ist, als ich dort war. Außer meinen Namen zu notieren und zu raten, was mir denn fehlen könnte, taten die Ärzte nichts – obwohl ich mich vor Schmerzen wand. Dafür musste ich vier Stunden warten.
Aber verdenken kann ich es ihnen nicht, wo es doch an jenem Tag regnete. Auf Tobago geht keiner zur Arbeit, wenn es regnet. Zwei Wochen dauerte es, bis ich endlich einen rzt mit Ultraschallgerät fand. Bis dahin waren meine Beschwerden so gut wie abgeklungen. Bis heute weiß ich nicht, was es war. Krank werden darf man auf Tobago nur, wenn es freie Plätze auf der Fähre oder im Flugzeug nach Trinidad gibt.
Vergewaltigungen mit Touristen als Opfer kommen in Tobago häufig vor. Auch Kindesmissbrauch ist ein oft begangenes Verbrechen. Nur dringt davon nichts an die Öffentlichkeit. Im Paradies darf es so etwas nicht geben, also gibt es so etwas auch nicht. Ich wollte die Geschichte eines deutschen Vergewaltigungsopfers recherchieren und veröffentlichen. Weder dir Polizei noch die Ärzte konnten oder wollten die entsprechenden Akten finden. Ich bekam keine Auskunft. Die Deutsche, die seit Jahren nach Tobago zurückkommt, um vor Gericht endlich Gerechtigkeit zu erfahren, wurde nach meiner eher erfolglosen Recherche in Sicherheitsverwahrung genommen – zu ihrer eigenen Sicherheit, wie es hieß, da die mutmaßlichen Täter, die immerhin verhaftet worden waren, aus dem Gefängnis ausbrechen konnten. Sie durfte die Zelle erst am Tag ihrer Abeise nach Deutschland wieder verlassen. “Die Geschichte können wir nicht veröffentlichen – zu wenig Informationen, zu riskant”, ließ mich mein Boss wissen.
Nach all diesen Erfahrungen brauche ich nun erstmal Urlaub vom Urlaub. Ich werde zwei Monate in meiner Heimat Erding verbringen, bevor ich mich wieder ins Paradies wage – diesmal mit Arbeitserlaubnis.
(Erdinger Anzeiger, 9./10. Juni 2007)



